Kurzgeschichte: Die Taxe des Bösen
(Filiz Penzkofer)
Darf ich vorstellen? Ich bin Halbtürkin. Bisher wurde mein Lebensweg erfolgreich geleitet vom Leitsystem unserer deutschen Leitkultur. Zum Leidwesen meiner Mutter. „Dieses Kind ist deutscher als Angela Merkel“, beklagte sie sich bei meinem Vater, wenn ich im türkischen Restaurant den Knoblauch aus dem Essen pulte. „Back doch mal Baklava, statt immer nur Kartoffelkuchen“, flehte sie mich immer häufiger an. Als ich zur Kartoffelkönigin 2010 gewählt wurde, redete meine Mutter drei Tage kein Wort mehr mit mir. Richtig Ärger gab`s, als mich die örtliche Bauchtanzgruppe wegen „mangelndem Bauchgefühl“ entließ. Da meine Mutter zu hohem Blutdruck neigt und sich gesundheitlich schonen soll, entschied ich mich zu handeln.
Ich fragte Mariechen, ob sie mich auf meiner türkischen-Hälft-Findungs-Reise nach Istanbul begleiten mochte. Mariechen, das gerade dringend Urlaub nötig hatte, sagte zu.
Istanbul war herrlich. Wir bummelten bis zum Goldenen Horn, kauften gegrillten Fisch von Fischerbooten, die an den Brückenpfeilern anlegten und schauten kauend über das Wasser zu den Millionen und Millionen von Lichtern am anderen Ufer. „Da drüben, da beginnt Asien“, sagte Mariechen ehrfurchtsvoll. Ich nickte andächtig. „Falsch“, sagte ein deutscher Rucksacktourist. „Falsche Brücke.“ Wir erfuhren, dass wir die Galatabrücke mit der Bosporus-Brücke verwechselt hatten und wir von Europa nach Europa blickten und entschieden uns, statt nach Asien tanzen zu gehen. Wir blieben bis spät in die Nacht. Gegen halb drei drängte ich zum Aufbruch. Man sollte dann gehen, wenn es am schönsten war.
Am großen Brunnen war der Taxiplatz, hier standen hunderte der gelben Fahrzeuge. „Alles deutsche Auslaufmodelle“, sagte Mariechen und deutete auf die alten Mercedes-Wagen. Weil ich wusste, auf was das Gespräch hinauslaufen würde, simulierte ich einen spontanen Hörsturz. Es half nichts. Mariechen leitete von deutschen Mercedes-Auslaufmodellen auf deutsche Panzerauslaufmodelle und von deutschen Panzerauslaufmodellen auf deutschen Waffenhandel im Kongo über. Resigniert gab ich meinen Hörsturz auf und erinnerte sie an unser Vorhaben, zurück ins Hostel zu fahren.
Bei der Wahl der Taxifahrer waren Mariechen und ich äußerst wählerisch. Meine Mutter hatte uns gewarnt. „Passt auf. Viele Taxis in Istanbul sind gar keine echten Taxis“, hatte sie erzählt. Sie sprach von verkappten Landpiraten, die einen auf offener Straße überfielen und ausraubten. Wenn man Glück hatte.
Ich begutachtete das Meer an gelben Auslaufmodellen und fragte mich, auf was genau man eigentlich aufpassen sollte. Wie ließ sich ein echtes Taxi von einem unechten unterscheiden?
Zunächst überließ ich Mariechen den Vortritt. Sie hatte drei Semester Psychologie studiert, bevor sie abbrach um sich der Archäologie zu widmen. Aus dieser Zeit war bestimmt einiges hängengeblieben. Und tatsächlich. „Der typische Verbrecher sieht nicht aus wie ein typischer Verbrecher“, sagte sie und warf mir einen vielsagenden Blick zu. Ich nickte. Soviel war klar. Hunderte von zufällig gesehenen Taff-Folgen kamen mir in den Sinn. Immer wieder ein schockiert in die Kamera blickender Anwohner, der es einfach nicht glauben konnte, dass der Herbert ein achtfacher Massenmörder gewesen sein und zudem noch die Nachbarskatze gefressen haben sollte. Der war doch ein so unauffälliger und freundlicher Mensch, hieß es dann immer.
Meine TV-Erinnerungen deckten sich eins zu eins mit Mariechens Psychologiewissen. Die Schlussfolgerung war eindeutig. Wir mussten einen Taxifahrer suchen, der aussah, wie der typische Verbrecher schlechthin. Keine Macht dem Wolf im Schafspelz also.
„Ha “, Mariechen lachte grimmig auf, als wir an dem alten grauhaarigen Taxifahrer Marke freundlicher Familienopa vorbeigingen. „Nette Tarnung“.
Ich stimmte ihr zu. Einen auf unschuldigen alten Mann zu machen, war geschmacklos.
Der nächste Fahrer in der Schlange kam auch nicht in Frage. Unauffällige Brille, unauffällige Scheitelfrisur, unauffälliger Pullunder. Er war so unauffällig, dass seine Auffälligkeit bis zum Himmel stank.
„Billig“, sagte Mariechen, „einfach billig“.
Ich nickte.
Taxifahrer Nummer drei war nicht da. Taxifahrer Nummer vier gefiel mir ausgesprochen gut. „Das ist unser Mann“, sagte ich. Der ist so dick, der kommt nicht hinterher, wenn wir wegrennen. Mariechen lachte über meine Naivität. Wer weiß, ob das echt ist, sagte sie.
Wir liefen weiter. Die Taxifahrer vier bis zwölf sahen nett aus und kamen daher auf keinen Fall in Frage. Taxifahrer Nummer dreizehn wollten wir nicht nehmen, wegen der Zahl.
Ein Fahrzeug weiter sah es schon besser aus. Das Gesicht des Fahrers überzeugte uns. Eine lange, grätenartige Narbe zeichnete sich quer über seiner linken Wange ab. Die Augen linsten bedrohlich unter buschigen Augenbrauen hervor und dunkelgrüne Tätowierungen umrankten seine muskulösen Oberarme.
Mit radebrechendem türkisch feilschte ich um den Fahrpreis. Fast hätten wir uns geeinigt, da zog mich Mariechen hektisch zur Seite. Das geht nicht, sagte sie. Warum nicht, wollte ich wissen. „Hast du nicht den Goldzahn gesehen?“, fragte sie vorwurfsvoll. Doch das hatte ich. Sah doch gefährlich aus, war doch also gut. Mariechen schüttelte hektisch den Kopf. „Der ist nicht doof“, flüsterte sie. Der kennt die allgemeine Annahme, dass Verbrecher immer unauffällig aussehen. „Und?“, frage ich. „Verstehst du denn nicht?“, Mariechen war außer sich. „Der ist too much Verbrecher. Der hat sich extra als Verbrecher verkleidet, damit er aussieht wie ein Verbrecher und nicht wie jemand Unauffälliges, damit Leute wie du und ich beruhigt zu ihm ins Auto steigen.“
Mariechen hatte recht. Der Taxifahrer hatte es mit seinem auffälligen Verbrecheroutfit übertrieben. Mariechen sprach von einem Wolf im Wolfspelz.
Wir liefen weiter. Bei über hundert Taxifahrzeugen musste doch jemand dabei sein, der kein Verbrecher war.
Als wir bei Taxi Nummer fünfzig angekommen waren, gingen wir zum Kiosk um mit einer kleinen Flasche Raki auf das Jubiläum anzustoßen.
Wir feierten auch das fünfundfünfzigste Taxi, das sechzigste, das fünfundsechzigste und irgendwann dann jedes Einzelne.
Als wir beim hundertsten Taxi angekommen waren, hatten wir nichts mehr zum anstoßen. Egal, wir waren auch so gut drauf und sangen türkisch-deutsche Freundschaftslieder mit selbsterfundenen Reimversen auf Atatürk, während wir weiter nach einem ehrlichen Taxifahrer suchten. Schließlich kauften wir eine zweite Flasche Raki.
Davon wurde die Suche zwar nicht einfacher, aber dafür wurden unsere deutsch-türkischen Freundschaftslieder immer kreativer. Bei einer besonders orientalisch anmutenden Stelle, legte ich sogar eine kleine Bauchtanzeinlage aufs Parkett. Mehr und mehr konnte ich meinen Bauch und meine türkischen Wurzeln fühlen. Nach einiger Zeit und einigen Schlucken Raki hatte ich sogar zum Islam gefunden. Freudig umarmte ich Mariechen, dann betete ich eine Sure in Richtung Mekka, beziehungsweise dahin, wo ich Mekka vermutete.
Wir mussten noch an mindestens einem Dutzend Taxis vorbeigelaufen sein, Mariechen sprach mittlerweile nur noch von der Taxe des Bösen, da blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen. „Das sind sie“, lallte sie dann feierlich und torkelte freudestrahlend auf einen sehr haarigen Mann mit kinnlangem schwarzen Bart und stechendem Adlerblick zu. „die einzig wahren Taxifahrer“. Das ist doch nur einer, warf ich ein. Umso besser, sagte Mariechen.
Ich blieb skeptisch. Der Mann erinnerte mich an Fahndungsbilder nach 9/11. „Findest du nicht, der sieht aus wie ein Fundamentalist“, erkundigte ich mich besorgt. „Ja eben, ist doch super“, Mariechen jubilierte. Der ist so religiös, der vergreift sich nicht an kleinen Mädchen, freute sie sich. Kommt drauf an, in welchen Punkten sich Katholizismus und Islam ähneln, wollte ich einwerfen, ließ es dann aber bleiben. Das Thema war zu ausgelutscht. „Vielleicht baut der in seiner Freizeit Bomben für den Dschihad, aber glaub mir, als Taxifahrer ist der harmlos. Wenn, dann will er mit ehrlicher Arbeit ein bisschen Geld für Sprengstoff verdienen“, sagte Mariechen verständnisvoll.
Beruhigt wankte ich auf den Taxifahrer zu. Anstatt „merhaba“ sagte ich aus Versehen „Atatürk“, was Mariechen dazu bewegte, lauthals unsere deutsch-türkischen Freundschaftslieder anzustimmen. Der Fundamentalist setzte sich eilig in sein Auto, kurbelte die Fenster hoch und verriegelte die Tür. Ich klopfte an die Scheibe. Der Fundamentalist schaltete den Motor an und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Als ich mich umdrehte, war auch Mariechen verschwunden. Ich fand sie ein paar Meter weiter schlafend auf dem Boden.
Als ich mich zu ihr auf die Straße legte, murmelte sie irgendwas mit Atatürk.
Am nächsten Tag erwachten wir plus Kater im Taxihäuschen. Wir waren in Decken eingewickelt und darunter, wie ich sofort erleichtert feststellte, vollständig bekleidet. Nur unsere Handtaschen fehlten. Sie wurden uns ein wenig später von dem tätowierten Taxifahrer mit der Fischgrätennarbe und dem Goldzahn gebracht. Er und seine Kollegen mussten uns heute Morgen von der Straße aufgeklaubt und ins Taxihäuschen getragen haben. „Ihr müsst vorsichtiger sein“, sagte er freundlich. „Istanbul ist eine Großstadt.“ Hier könne man nicht einfach auf der Straße einschlafen. Das sei zu gefährlich.
Der dicke Taxifahrer von gestern brachte uns Frühstück. „Ihr habt bestimmt Hunger“, sagte er. Es gab es Kartoffelkuchen.
Beim Abschied drehte sich Mariechen nochmal nach dem Mann um, den sie gestern für „too much Verbrecher“ gehalten hatte. „Das“, sagte sie, „war gar kein Wolf im Wolfspelz, vielmehr war das ein echtes Schaf im Wolfspelz.“
Ich sagte erstmal gar nichts. Dann brach es aus mir raus. „ Bir sey daha kurt veya kuzu hakkinda söylesana ben sana senin kürkü kulaklarindan cicaracagim vallaha“, brüllte ich im reinsten Gossentürkisch. Sieht man von kleineren sprachlichen Fehlern ab, heißt das soviel wie: Noch ein Wort über Wölfe oder Schafe und ich zieh dir dein Fell über die Ohren, mann! Mag sein, dass ich meine Wurzeln nicht ganz gefunden hatte, aber hätte meine Mutter das gehört - sie wäre stolz auf mich gewesen.
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